Der Junge auf dem Berg – John Boyne
Wie wird aus einem freundlichen Jungen jemand, den man kaum noch wiedererkennt? Geschieht so eine Veränderung plötzlich? Oder beginnt sie ganz leise, mit kleinen Zugeständnissen, neuen Regeln und dem Wunsch, dazuzugehören?
Pierrot wächst in Paris auf. Nachdem er seine Eltern verliert, kommt er zunächst in ein Waisenhaus. Schließlich nimmt ihn seine Tante Beatrix bei sich auf. Sie arbeitet als Haushälterin auf dem Berghof – dem Anwesen Adolf Hitlers.
Dort wird aus Pierrot schon bald Peter. Er bekommt neue Kleidung, soll möglichst wenig über seine französische Herkunft sprechen und lernt, welche Ansichten von ihm erwartet werden. Gleichzeitig begegnet er Hitler persönlich und genießt dessen Aufmerksamkeit. Für einen Jungen, der seine Familie verloren hat und nach Halt und Anerkennung sucht, ist das natürlich nicht gerade unbedeutend.
Nach und nach verändert sich Peter. Und genau diese Veränderung beschreibt John Boyne unglaublich eindrucksvoll.
Es gibt nicht den einen großen Moment, in dem aus Pierrot plötzlich ein anderer Mensch wird. Stattdessen sind es viele Kleinigkeiten. Ein neuer Name. Ein Lob. Das Gefühl, wichtig zu sein. Die Nähe zur Macht. Kleine Entscheidungen, die zunächst vielleicht gar nicht so dramatisch wirken. Doch irgendwann schaut man auf diesen Jungen und fragt sich, wo Pierrot eigentlich geblieben ist.
Gerade seine Naivität und seine Ergebenheit machen die Geschichte so erschreckend glaubwürdig. Peter ist nicht von Anfang an böse. Er ist ein Kind, das dazugehören möchte, das früher geärgert wurde, sich nun beeinflussen lässt und zunehmend Gefallen an seiner neuen Stellung findet. Aus Bewunderung wird Überheblichkeit, aus Anpassung wird Überzeugung – und aus einem unsicheren Jungen wird jemand, der seine Macht gegenüber anderen nutzt.
Das Buch zeigt damit sehr deutlich, wie Verführung und Manipulation funktionieren können. Nicht unbedingt mit einem großen Knall und auch nicht nur durch Angst. Manchmal reichen Aufmerksamkeit, Anerkennung und das Gefühl, plötzlich jemand Besonderes zu sein. Eine ziemlich unangenehme Erkenntnis, denn damit lässt sich das Böse nicht mehr bequem irgendwelchen Monstern zuschieben. Es entsteht durch Menschen und durch Entscheidungen.
John Boyne schreibt dabei verständlich und unaufgeregt. Er erklärt nicht ständig, was man über eine Szene denken soll, sondern lässt die Entwicklung für sich sprechen. Gerade dadurch wirkt sie. Man spürt die Veränderung in dem Jungen immer stärker und möchte ihn gleichzeitig schütteln, aufhalten und daran erinnern, wer er einmal gewesen ist. Vor allem durch das Umfeld des Jungen und wie dieses mit Kleinigkeiten auf Dinge reagiert, bekommen die Situationen eine extreme Tiefe.
Obwohl es sich um ein Jugendbuch handelt, ist die Geschichte keineswegs nur für Jugendliche interessant. Sie erzählt nicht einfach ein weiteres Mal die bekannten historischen Ereignisse, sondern nähert sich dem Nationalsozialismus über die Veränderung eines einzelnen Jungen. Das macht das Geschehen greifbar, ohne es zu vereinfachen.
„Der Junge auf dem Berg“ ist sehr gut geschrieben und gerade durch seine vielen kleinen Beobachtungen unglaublich eindrucksvoll. Pierrots Naivität, sein Wunsch nach Zugehörigkeit und seine zunehmende Ergebenheit machen begreifbar, wie ein Mensch beeinflusst werden kann und wie schleichend sich Grenzen verschieben.
Ein beklemmendes Buch, das nicht laut werden muss, um lange nachzuwirken. Eine absolute Leseempfehlung meinerseits, die in der aktuellen Zeit eine enorme Wichtigkeit hat!

